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kathpress/Paul Wuthe
15.07.2026

Predigt zum Benediktusfest und 100. Geburtstag von Bruder David Steindl-Rast in Kremsmünster am 11. Juli 2026

Predigt von Erzbischof Josef Grünwidl zum Benediktusfest und 100. Geburtstag von Bruder David Steindl-Rast in Kremsmünster am 11. Juli 2026

Ich lege gleich ein Bekenntnis ab: Ich stamme aus einer Benediktinerpfarre aus einer Urpfarre des Stiftes Melk. Mein Heimatpfarrer, meine Religionslehrer waren die meiste Zeit Benediktiner aber bei mir hat es leider für eine benediktinische Berufung nicht gelangt. Ich bin Diözesanpriester der Erzdiözese Wien geworden. Aber ich bin mit den Benediktinern, besonders mit denen vom Stift Melk und auch vom Stift Göttweig sehr verbunden und ich freue mich sehr, dass ich heute mit Ihnen, mit euch liebe Schwestern und Brüder und vor allem auch mit dir, lieber Bruder David, dieses Fest feiern darf.

 

Um das Jahr 480, kurz nach dem Untergang des weströmischen Reiches, wurde Benedikt von Nursia geboren. Es war eine Zeit großer Umbrüche und Veränderungen. Man kann sagen: Damals taumelte die Welt. Die Sehnsucht nach Orientierung und Frieden war groß – durchaus vergleichbar mit der Zeit, in der wir heute leben.

Noch eine andere Jahreszahl wird immer wieder im Zusammenhang mit dem heiligen Benedikt genannt: 529. Im Jahr 529 wurde die philosophische Akademie in Athen aufgelöst. Die Tradition sagt, im Jahr 529 hat Benedikt mit seinen Mönchen das Kloster Monte Cassino besiedelt und gegründet. Das geistig-philosophische Zentrum der Antike in Athen kommt an ein Ende und Benedikt beginnt mit seinen Klostergründungen und dann später auch mit seiner Mönchsregel etwas ganz Neues. Er sollte Europa, das ganze abendländische Mönchtum prägen und ihm eine Richtung geben. Zwei Aspekte scheinen mir im Blick auf die Strahlkraft der benediktinischen Spiritualität wichtig zu sein:

Zunächst fällt auf, Benedikt geht es immer um die Gemeinschaft, das Miteinander und um den Frieden. Natürlich geht es um die Gemeinschaft mit Gott. Der Weg der Mönche soll ja ein Weg sein, der sie näher hinführt zu Gott. Und dann die Gemeinschaft der Brüder untereinander, auch die Gemeinschaft von Abt und seinen Mönchen. Es geht immer um das Miteinander, um ein gutes Miteinander. Ganz konkret zeigt sich das Miteinander auch schon in der Ordensregel und wie sie zustande gekommen ist. Der heilige Benedikt hat nämlich nicht alles selber erfunden, er hat Teile der alten Magisterregel, der Augustinusregel und der Basiliusregel übernommen und in seine Mönchsregel harmonisch eingebaut. Also auch hier schon: Nicht ich allein mache alles neu, sondern ein Gemeinschaftswerk ist die benediktinische Mönchsregel. Miteinander, Gott und die Menschen, Neues und Altes verbinden, Gemeinschaft leben, in Frieden unterwegs sein.

 

Dazu kommt noch ein Zweites: Benedikt hat ein sehr realistisches Bild vom Menschen gehabt, und er hat die menschliche Natur ganz ernst genommen. Seine Ordensregel kennt deshalb keine Extreme und auch keine übertrieben fanatischen Vorderungen. Es ist alles klug ausgewogen: bete, arbeite und lies - „Ora et labora et lege!“. Benedikt hat auch genau gewusst: Seine Mönche brauchen genügend Zeit zur Rekreation und zur Erholung.   

 

Liebe Schwestern und Brüder, in Gemeinschaft und Frieden leben und die Natur des Menschen ernst nehmen – diese ausgewogene, gesunde benediktinische Spiritualität war anziehend und hatte eine große Strahlkraft. Bis heute hat sie diese Strahlkraft.

Warum betone ich das so? Weil ich meine, dass diese beiden Grundhaltungen ganz stark auch im Leben von dir, lieber Bruder David zur Geltung kommen. Ich möchte das kurz ausführen:

Das Erste: In Gemeinschaft mit Gott leben und Frieden untereinander halten.

Bruder David lebt uns einen Glauben vor, der keine Berührungsängste kennt. Er zeigt uns, dass wir Menschen in der Gottsuche und in unserer Sehnsucht nach Spiritualität alle miteinander verbunden sind. Dass Religionen nicht Mauern, sondern Brücken bauen sollen und Werkzeuge der Versöhnung und des Friedens sein müssen. Ich bin überzeugt, jede Religion muss sich daran messen lassen, ob sie mehr Liebe und mehr Frieden in die Welt bringt. Interreligiöse Begegnungen haben den Horizont von Bruder David erweitert und seine christlichen Glaubenswurzeln vertieft.

 

Wir alle haben seit dem letzten Konzil gelernt, dass der ökumenische Dialog, dass Ökumene ein Gebot der Stunde ist. Wir haben gelernt, dass die verschiedenen christlichen Konfessionen keine Bedrohung, sondern eine Bereicherung sind. Das Gebot der jetzigen Stunde heißt: interreligiöser Dialog.

 

Ich beziehe die Mahnungen des Epheserbriefs, wir haben es in der Lesung gehört - „Seid demütig, geduldig, friedfertig. Bewahrt Einheit und Frieden“. - nicht nur auf das Zusammenleben einer christlichen Gemeinde oder einer Klostergemeinschaft – so wie hier in Kremsmünster - sondern auf das konkrete Leben in unserer Zeit. In religiös und weltanschaulich pluralen Gesellschaften ist die Vielfalt von Religionen eine Tatsache. Eine Tatsache,  die man als Bereicherung, als Herausforderung und manchmal auch als Bedrohung erlebt.

 

Bruder David macht uns Mut zum Miteinander und zum Dialog – demütig und angstfrei, geduldig und friedfertig. Er sieht die Weltreligionen mit dem schönen Bild eines Stroms, eines Flusses, der unterirdisch fließt und wo die Menschen zu verschiedenen Zeiten an verschiedenen Orten in verschiedenen Kulturen  Brunnen gegraben haben. Diese Brunnen sind sehr unterschiedlich aber sie speisen sich alle aus dem einen göttlichen Strom. So sieht Bruder David die Weltreligionen.

 

So wie Benedikt Elemente aus anderen Mönchsregeln wertschätzend in seine Ordensregel eingebaut hat, so gibt Bruder David uns Impulse für den interreligiösen Dialog und für ein Miteinander der Religionen. Dass dieses Miteinander nicht immer einfach ist, liegt auf der Hand. Aber gibt es eine Alternative? Ohne Religionsfrieden kein Weltfrieden!

 

Noch kurz zum zweiten Gedanken:

Benedikt hat die menschliche Natur ganz ernst genommen.

Bruder David lebt eine Spiritualität, die im besten Sinn des Wortes human und geerdet ist. Das Leben ist für ihn der Humus auf dem Dankbarkeit, Vertrauen, Spiritualität und Transzendenz wachsen können. Bruder David ermutigt uns immer wieder zu kleinen, achtsamen Schritten. Seine spirituellen Impulse – ich denke da an das Netzwerk „Dankbar leben“ – sie überfordern uns nicht. Wenn wir wollen, können wir diese Schritte setzen.

 

Das Wort aus dem Evangelium „Der Größte soll werden wie der Kleinste“ ist mir in diesem Zusammenhang wichtig.

Denn beim Thema Spiritualität geht es nicht darum, Gott im Größten und im Außergewöhnlichen zu suchen, sondern in den kleinen, alltäglichen Dingen. Spirituelle Menschen erkennt man an der Art wie sie zuhören und reden, wie sie essen und trinken. Sie pflegen einen einfachen Lebensstil und einen gesunden Lebensrhythmus, sie sind lebendig und aufmerksam, sie leben im Augenblick. In der Nähe eines spirituellen Menschen, fühlen wir uns wohl. Sie tun uns gut.

Mir kommt da ein hebräisches Wort in den Sinn, das ich mit dem Ziel von Spiritualität verbinde: shalom. Shalom heißt nicht einfach nur Frieden, sondern es ist Friede im umfassenden Sinn. Von shalom redet die Bibel wenn sie sagen will: Ein Mensch ist ganz im Frieden mit sich selber, mit seiner Lebensgeschichte, mit seiner Person, wie alles verlaufen ist. Ein Mensch ist ganz in Frieden mit Gott und der Welt.

 

Shalom meint also einen Glückszustand, eine innere Ruhe, die Freude und Dankbarkeit ausstrahlt. Für uns und für sehr, sehr viele Menschen lieber Bruder David, bist du spiritueller Meister, der shalom lebt und ausstrahlt.

 

Liebe Schwestern und Brüder!

Das Fest des heiligen Benedikt und der 100. Geburtstag von Bruder David Steindl-Rast – zwei Anlässe um zu feiern und zu gratulieren! Doch feiern und gratulieren allein, das wäre heute zu wenig. Denn das geistige Vermächtnis des Heiligen Benedikt und die vielen spirituellen Impulse von Bruder David sind Auftrag und Einladung für uns.

Ich danke allen, die auf ihrer spirituellen Suche, auf ihrem spirituellen Weg nie stehenbleiben, die immer neu versuchen, das Du und das Wir über das eigene Ich zu stellen.

Ich wünsche uns allen einen Glauben, der uns nicht eng, fanatisch und säuerlich macht, sondern der uns frei, dankbar, dialogfähig und fröhlich macht.

 

Ich lade ein, dass wir gläubig und zuversichtlich den Weg der kleinen Schritte gehen im Vertrauen: Gott kann aus unseren kleinen Schritten etwas Großes machen. Spirituelle Menschen helfen mit, dass die Vision Gottes für die Welt Wirklichkeit wird. Und Gottes Vision für uns heißt „shalom“. Friede in umfassend vollendeter Form. Spirituelle Menschen, liebe Schwestern und Brüder, versuchen Gottes Melodie aufzunehmen und ihr eigenes Lebenslied mit Gottes Friedenslied in Einklang zu bringen. Fangen wir an: Friedenstiften. Ich selbst. Jede und jeder von uns ist ein Ton in Gottes Friedenslied.

 

Lieber Bruder David!

Wir alle danken dir heute für dein Lebens- und dein Glaubenszeugnis!

Es ist gut, dass es dich gibt! Du bist ein Segen für viele, viele Menschen weltweit. Du bist ein Segen für die Kirche und für unsere Zeit!

Gott schütze dich! Shalom!